Laufen in Moskau im September bedeutet, in einer Stadt zu laufen, die schon einen Olympischen Marathon ausgerichtet hat, bevor sie überhaupt einen eigenen Marathon für die breite Masse hatte. 1980 war das Lenin-Stadion Austragungsort des Olympischen Marathons, den der Ostdeutsche Waldemar Cierpinski in 2:11:03 gewann – vor 74 Athleten aus 40 Nationen. Dasselbe Stadion, das heute Luschniki heißt, das WM-Finale 2018 beherbergte und in dem du deinen Marathon beendest. Auf derselben Bahn wie bei den sowjetischen Olympischen Spielen zu stehen, ist immer noch ein Argument, das man in nicht vielen Rennankündigungen findet. 🏟️
Die Veranstaltung in ihrer heutigen Form wurde 2013 ins Leben gerufen und ist in nur wenigen Jahren zum größten Laufevent in Russland 🇷🇺 geworden. Die Rekorde zeigen das Niveau: 2:11:34 durch Bennar Youness im Jahr 2024 bei den Männern, 2:28:02 durch Sardana Trofimova im Jahr 2020 bei den Frauen. Eine ziemlich flache Strecke, die kräftigen Beinen liegt – auch wenn der September in Moskau zwischen einem wunderschönen goldenen Herbsttag und einem begehbaren Kühlschrank bei 7°C schwanken kann. Beides gab es schon. Pack sicherheitshalber beide Outfits ein 😉.
Die große Neuigkeit ist eine strukturelle Formatänderung: Das Rennen wird point-to-point. Kein Start und Ziel mehr am selben Ort: Du startest in der Kosygin-Straße, am Platz der Lomonossow-Universität Moskau. Der Ort ist dieses 36-stöckige stalinistische Gebäude mit einer 57 Meter hohen goldenen Spitze, das wie eine gigantische sowjetische Hochzeitstorte aussieht. Das ist dein Startpunkt. Du wirst ihn nicht übersehen 👀. Die Route führt an den Ufern des Moskwa-Flusses entlang, nimmt den Sadovoye Koltso, überquert die Krymsky Most (die Krim-Brücke) 🌁, geht weiter über den Boulevardring und die Twerskaja-Straße, führt durch den Teatralny Passage und läuft buchstäblich unter den Mauern des Kremls hindurch, bevor es nach Luschniki geht. Mit den roten zinnenbewehrten Türmen rechts von dir, während du bei km 38 🏰 dein Tempo kontrollierst. So eine Kulisse lässt dich kurz vergessen, dass deine Beine brennen – aber eben nur kurz 🦵. Insgesamt zeigt dir die Strecke mehr als 30 weltberühmte Monumente: den Kreml, die Christ-Erlöser-Kathedrale, das Bolschoi-Theater, das Viertel Moskva City und vier der Sieben Schwestern, der stalinistischen Wolkenkratzer. Die Sieben Schwestern, zwischen 1947 und 1953 errichtete Hochhäuser, alle erkennbar an ihren goldenen Spitzen und dem sowjetischen Barockstil, sind die unwahrscheinlichsten visuellen Landmarken, die ein Marathon bieten kann. Verlaufen kannst du dich nicht: Irgendwo am Horizont ist immer eine Schwester zu sehen. Navigationssystem direkt in die Kulisse eingebaut, ohne Aufpreis. Ganz großes Kino! 🌆
Was die Formate betrifft: Die 42 km starten am Sonntag. Der Start ist in Wellen nach Leistungsniveau organisiert: Für Welle A braucht man eine Zeit unter 2:45 im Marathon oder 1:18 im Halbmarathon. Für die Elite liegt die Hürde noch höher: 2:23 im Marathon oder 1:07 im Halbmarathon bei den Männern, 2:45 bzw. 1:17 bei den Frauen. Das Preisgeld passt zur Ernsthaftigkeit der Veranstaltung: 900.000 Rubel (etwas über 10.000 €) für den Gesamtsieg, dazu Boni für den Streckenrekord (250.000 Rubel) und eine Million Rubel im Fall eines nationalen Rekords. Selbst Nicht-Elites haben einen Preis 🏆: 15.000 Rubel für die ersten 12 unter 2:28 bei den Männern und 3:00 bei den Frauen. Es gibt etwas für alle – vorausgesetzt, du hast die Beine dafür 💰. Die 10 km werden am Samstag gelaufen – eine großartige Möglichkeit, die Wochenendstimmung zu genießen, ohne die Verpflichtung von 42 km. Die Firmen- und Studierendenstaffeln 🎓 lassen euch die Marathon-Distanz am Sonntag im Team angehen, und der Zabeg Detskiy (das Kinder-Rennen) am Samstagnachmittag lädt 4–13-Jährige ein, 400 oder 800 m auf einem Abschnitt der offiziellen Strecke zu laufen. Die ersten Schritte unter den roten Sternen des Kremls. Für eine Kindheitserinnerung gar nicht schlecht 👶.
Um zum Start an der Universität zu kommen, sind die Metrostationen Vorobyovy Gory oder Universitet an der roten Linie mit Abstand die beste Option. Die Moskauer Metro ist pünktlich, dicht getaktet und mit Marmordecken und Kristalllüstern gebaut – so dass es sich anfühlt, als würdest du durch ein unterirdisches Museum laufen. Wir haben schon schlechtere Warm-ups gesehen 🚇. Seit 2026 ist der Marathon Teil der BRICS Marathon League, eines Projekts, das Russlands große Rennen (Moskau, Sankt Petersburg, Kasan) und langfristig die Marathons von Brasilien, Indien, China und Südafrika zusammenbringt. Wer mehrere League-Rennen läuft, erhält besondere Trophäen und eine zusätzliche Medaille für die vielseitigsten Läuferinnen und Läufer 🏅. Den Marathon als Reisepass zu sehen, ist eine Philosophie, die wir voll und ganz unterstützen 🌍.
Birken beginnen an den Ufern der Moskwa gelb zu werden, das späte Saisonlicht färbt alles leicht golden, und ein paar tausend Läuferinnen und Läufer machen sich vom Fuß der größten stalinistischen Hochzeitstorte der Welt auf den Weg zum Olympiastadion. Das ist Moskau. Es ist groß, es ist ernst, es ist beeindruckend – und genau das, wonach wir gesucht haben 🔥.
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