Es gibt zwei Arten von Läufern vor einer Klippe: jene, die vorsichtshalber einen Schritt zurücktreten, und jene, die für das Foto einen Schritt nach vorn machen 📸. Auf solchen Strecken kannst du den Kopf nicht in den Sand stecken: Das Nichts ist direkt neben dem Trail – und es wartet nur darauf, dir den Atem zu rauben, lange bevor es der Höhengewinn von selbst tut.
Schwer, bei einem senkrechten Abgrund ein Pokerface zu bewahren: Dein Blick schwankt zwischen dem Pfad unter deinen Füßen und dem Nichts direkt daneben – und genau diese Zerrissenheit gibt diesem Thema seine ganze Würze 😏. Die Besonderheit dieses Formats liegt in dieser ständigen Gratwanderung zwischen Schwindel und atemberaubenden Ausblicken, ein Faden, dem du mit den Augen genauso folgst wie mit den Beinen.
In der Bretagne macht Belle-Île en Trail seinem Namen alle Ehre: An der Wilden Küste der größten bretonischen Insel verläuft die Strecke entlang von Klippen, die vom Atlantik zerfetzt wurden, ausgewaschen zu Höhlen und Felsnadeln. Eine Kulisse, die all jene bestätigt, die meinen, die Bretagne müsse sich vor Irland 🇮🇪 nicht verstecken. Weiter südlich blickt das Festival des Templiers in Millau auf die Kalksteinschluchten der Causses, wo sich das Nichts den Wagemutigsten manchmal ohne Vorwarnung direkt unter den Füßen auftut.
Die Empfindungen ändern sich je nach Fels und Höhenlage radikal. Ein Kalkstein-Bandweg klingt unter den Füßen trocken und laut; eine Granitklippe, die von Gischt gepeitscht wird, klebt an den Sohlen – feucht und rutschig. In jedem Fall schwanken deine Augen permanent zwischen Trail und Horizont – pure Folter für alle mit Höhenangst, pures Glück für alle anderen.
Auf Jersey in den Kanalinseln führt Round The Rock nicht in die Irre: Die Strecke geht buchstäblich rund um den Felsen und folgt den Granitklippen, die die Insel einmal vollständig umrahmen. Auf Sizilien durchquert der Trail dello Zingaro Italiens allererstes Naturschutzgebiet, gegründet 1981, wo Kalksteinklippen direkt in ein türkisfarbenes Meer stürzen. Genug, um langsamer zu werden – oder gleich direkt am Meer blau zu machen 🌊.
Die Bedingungen und Eigenheiten dieser Strecken haben viel mit der Exposition gegenüber Wind und Erosion zu tun. Der Pfad, der letztes Jahr an der Klippe entlangführte, kann dieses Jahr leicht versetzt sein – vom Meer oder Unwetter angeknabbert; eine Realität, die britischen Veranstaltern bestens bekannt ist, den unangefochtenen Königen des Genres.
Auf nach Dorset in England 🏴, wo mehrere Rennen der EnduranceLife-Serie (Dorset, South Devon, Sussex, Exmoor, Gower) der Jurassic Coast folgen, einem UNESCO-gelisteten Gebiet, dessen 185 Millionen Jahre geologische Geschichte man direkt im Fels ablesen kann. Die Lulworth Cove Trail Challenge schlängelt sich nahe der berühmten gefalteten Formationen von Lulworth Cove, während der Arc of Attrition by UTMB® in Porthtowan in Cornwall schon mit seinem Namen die Stimmung perfekt einfängt: Hier setzen sich Klippe, Wind und Distanz am Ende immer gegen die am schlechtesten vorbereiteten Körper durch. Der South Downs Ultramarathon und The South West Traverse runden dieses britische Meisterstück ab – nicht zu vergessen der treffend benannte TSUNAMI - Ocean Trail in Bude, dessen Name bereits eine raue, ruppige Atmosphäre verspricht.
Weiter südlich ist auch Spanien 🇪🇸 mit dem Trail Costa Brava keineswegs zu unterschätzen, dessen katalanischer Name wörtlich „wilde Küste“ bedeutet. Ein Programm, das diese Strecke perfekt liefert, indem sie zwischen versteckten Buchten und felsigen Kaps wechselt. In der Türkei 🇹🇷 erklimmt der Climbolic - Babadag Epic Trail die Hänge des Babadağ, eines Berges, der bei Gleitschirmfliegern weltberühmt ist, die sich über der blauen Lagune von Ölüdeniz in die Luft stürzen. Hier gewinnen die Läufer Höhe (ein bisschen) – ohne Flügel.
In Skandinavien folgt Kullamannen by UTMB® in Schweden 🇸🇪 den Klippen der Halbinsel Kullaberg, einem Ort, der so steil ist, dass man dort einen Leuchtturm bauen musste, um Schiffe vor der Gefahr zu warnen. In Dänemark 🇩🇰 lässt der Marathon On The Rocks auf der Granitinsel Bornholm in der Ostsee ebenfalls keinen Zweifel an der Beschaffenheit des Geländes. Und schließlich erklimmt Portugal mit Oh Meu Deus (wörtlich „oh mein Gott“) die Serra da Estrela, das höchste Gebirge des Landes, wo glaziale Kare senkrechte Abbrüche formen, die den Namen des Rennens mehr als rechtfertigen.
Was auffällt, wenn man diese Beispiele von Land zu Land aneinanderreiht, ist diese gemeinsame Besessenheit vom Nichts als Kulisse und nicht als Hindernis. Ob die Klippe in Frankreich aus Kalkstein ist, in Schweden aus Granit oder in der Türkei vulkanisch – sie verlangt immer denselben Respekt und oft auch dasselbe alberne Grinsen, wenn du in einem Stück und mit zitternden Beinen ins Ziel kommst 🏁. Nach der Anstrengung kommt der Trost, meist mit Aussicht 🍷. Ein bretonischer Cidre mit Blick auf den Atlantik nach Belle-Île, ein englisches Craft-Bier nach einem Abschnitt an der Jurassic Coast, ein Glas Vinho Verde nach der Serra da Estrela: Klippen machen Appetit, und der Abstieg schmeckt gleich doppelt.
Du willst von Wasser umgeben bleiben, aber ohne den Schwindel am Rand? Dann nichts wie hin zu Inselrennen 🏝, um weiter vor der Welt davonzulaufen – diesmal mit den Füßen ein bisschen näher am Meeresspiegel.
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